Defekte einer Hochschulchronik - 3_a

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Defekte einer Hochschulchronik

Die Hochschule für Musik FRANZ _LISZT in Weimar - eine Aufarbeitung

 

Eine Publikation des Mitteldeutscher Verlag mit Unterstützung des Thüringischen Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

- November 2017 -

Kommentare zum Buch
Stand 6. Januar 2018

 

Von: Michael Mansion [mailto:info(a)michael-mansion.de]
Sonntag, 31. Dezember 2017
Betreff:  Defekte einer Hochschulchronik von Günter Knoblauch und Roland Mey

Die beiden Autoren lassen Wolfram Huschke in „Zukunft Musik“ zu Wort kommen, wenn er meint:„Denn wenn Herkunft Zukunft prägend beeinflusst und Wissen darüber aufklärend zu wirken und Identitätsbewusstsein zu stärken vermag, dann sollte die Antwort auf die Frage, woher man kommt, belastbar bekannt sein, um für die beiden weiteren Fragen – wer man ist und wohin man geht – eine gute Grundlage abzugeben“.
Das ist ein kluger Satz in die Richtung aller Kulturvergessenen, die aktuell Konjunktur haben, aber warum tut sich Wolfram Huschke so schwer, wenn es um die ihm unterstellten Unterlassungen aus der DDR-Zeit der Musikhochschule in Weimar geht. Wen fürchtet der Kulturbürger Huschke?
Für jemanden, der im Westdeutschland sozialisiert wurde, ist ein intimer Blick auf den vergangenen Staat DDR unmöglich. Zu sehr war man auch als ein 1943er mit der Entstehungsgeschichte der eigenen Republik und ihren Widersprüchen beschäftigt und natürlich hat auch der ebenfalls zitierte Prof. Altenburg recht, wenn er sagt, dass Zeitzeugen keine Historiker sind. Richtig, aber Zeugen sind sie allemal dann, wenn ihre Aussagen beweiskräftig sind.
Der Außenstehende Leser des Buches erkennt viele Widersprüche zwischen den Vertretern der Hochschulleitung, die Westsozialisierte sind und nichts von allem aus der Täter oder Opferperspektive erlebt haben. Zugleich stellt sich aber die Frage, warum die Opfer heute lügen sollten? Was hätten sie davon? Und was soll das moralisch gefärbte Verteilen von „Rehasummen“ durch Menschen aus dem Westen, bei denen man den Eindruck nicht los wird, dass sie sich in das Gebäude, das sie seit Jahren  nun repräsentieren, nicht all zu tief hinein schauen lassen wollen, weil da noch ein paar Leichen im Keller modern.
So weit mal hierzu und was hindert eigentlich an einem „offenen Dialog“, was unter  demokratischen Bedingungen ja so schrecklich auch nicht wäre und wir sind genötigt uns umzusehen im schönen Europa, wo er leider auch nicht statt gefunden hat, was nichts beschönigt, aber desillusioniert.
Was aber auf keinen Fall zu dulden ist, sind ausbleibende Rehabilitationen, noch nachträglich verweigerte Diplome offenbar (auch) als Folge nachträglich (1991) vernichteter Akten, was dann einem „realsozialistischen Kulturkonzept“ nicht mehr anzulasten wäre, wohl aber dem Prinzip übelster Vetternwirtschaft und.......Feigheit.
Bei den Betroffenen, von ihrem damaligen Staat zu Unrecht gemaßregelten Bürgerinnen und Bürgern, muss das wie der Nachhall von erlebter Abwertung, Ausgrenzung und Bespitzelung empfunden werden, erlebt im Ereignishorizont einer kulturschaffenden Hochschule für Musik, von der man eine diesem besonderen Genre gemäße Freiheit hätte erwarten dürfen.
Einer dieser auch noch nachträglich Gemaßregelten, der Musiker und Komponist Johannes Wallmann,  ist eine Zentralfigur der beiden Autoren und von ihm stammt das schöne Zitat:
„Gerade weil die Musik – wie die großen Komponisten es mit ihren Werken beweisen – sich dem Universellen in besonderem Maße zu nähern vemag, hat sie eine ganz besondere Verpflichtung zur Wahrhaftigkeit, die für die Zukunft von Musik, aber auch für die Zukunft von Kultur überhaupt – von entscheidender Bedeutung ist“.
Es war die „Nicht-Systemkonforme-Person“, geschaffen von einer höchst arroganten Nomenklatura, die zur Selbstzerstörung des Staates DDR geführt hat. Der Rest ist Geschichte.

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14.12.2017:  Minister Wolfgang Tiefensee an R.Mey
Erläuterung G.K.: R.Mey schreibt einen Offener Brief an Minister Tiefensee und verweist u.a. in diesen Brief  auch auf ein Schreiben von P.Rompf an den Präsidenten der HfM. Zwei Auszüge aus dem Brief von P.Rompf: “[...] meiner Erlebnisse erwarte ich [...], aber wenigstens eine ehrliche und gründliche Aufarbeitung aller Parameter der Vergangenheit. Eine biologische Lösung + Verdrängung hinterläßt nur einen faden Nachgeschmack. Und dient nicht einer Zukunft.”  R. bekommt keine Antwort. Dieser Brief sei in der HfM nie angekommen - heißt es.  Ließ diesen Brief jemand verschwinden ? Hier der Rompf-Brief
 
Minister Tiefensee “Es ist also festzustellen, dass zwar das Schreiben nicht an der HfM eingegangen ist, man sich dort aber unabhängig davon sehr wohl um den Vorgang gekümmert hat bzw. noch kümmert. Darüber hinaus unterstützt die Hochschule sämtliche Bemühungen, die Vergangenheit aufzuarbeiten, nach Kräften.
Insgesamt ist festzuhalten, dass schon die vorausgegangene Prüfung der von Ihnen vorgetragenen Kritikpunkte zur Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit an der HfM [...] keinen Anlaß gegeben hat, die Aufarbeitung der DDR Vergangenheit an der HfM und die Bemühungen der HfM zu beanstanden.” Prof. Dr. Gottfried Meinhold von der FSU Jena ... ist mit der Aufarbeitung der HfM-DDR-Geschichte beschäftigt und erhält von der HfM alle Unterstützung.”
 
Anmerkung von G.Knoblauch:
Was für eine Herausforderung an den renommierten 81-jährigen Prof.Gottfried Meinhold !
Der Rompf-Brief ist doch nicht das Thema - höchstens ein Sandkörnchen in der HfM-Wüste.
Wenn der Präsident der HfM, Prof.Stölzl, davon spricht, dass:  “... ca 401 lfm müssen ...  einer systematischen Erforschung unterzogen werden.” (Seite 28 im Buch), dann liegt doch hier das Problem Herr Minister Tiefensee !
 
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22.12.2017 Prof. Meinold per Mail:
Freitag, 22. Dezember 2017
Lieber Herr ....,
... mein aktuelles Forschungsthema! Es lautet: Exemplarische Fälle der Tätigkeit von inoffiziellen Mitarbeitern [der Staatssicherheit] innerhalb der Hochschulen der DDR, mit besonderer Berücksichtung der Thüringischen Hochschulen.
.... Ihr Gottfried Meinhold
 
 
23.12.2017 Prof. Meinhold zur Aussage von Minister Tiefensee:
Er, Professor Meinhold, habe nur einen exemplarischen (prominenten) IM-Fall aus der MuHo in Weimar in "Recherche-Arbeit": Den IM "Meiler"!
Anmerkung G.K.: Der Fall IM Meiler ist auf Seite 110/111 im Buch geschildert
 
 
Schäbiger geht es doch wohl nicht Herr Minister Tiefensee!
Akten und rote Vergangenheit möglichst tief im See versenken. Oder haben Sie  vor, Prof. Meinhold bei der  Erschließung der 401 lfm Akten personell durch Ihr Ministerium zu unterstützen ?
 
Eigentlich schwer vorstellbar, dass Sie den Brief an Herrn Mey persönlich entworfen haben. Oder doch?
Dann haben Sie Defekte einer Hochschulchronik  sicher nicht gelesen.
Der Ministerbrief
 
 
Prof. Dr.-Ing. Jürgen Wenge
(Mitglied des Leipziger Bürgerkomitees von 1989/90)
 
"Defekte einer Hochschulchronik", Mitteldeutscher Verlag
Wer die Zukunft meistern will, muss die Vergangenheit analysieren. Und wer die Aufarbeitung vergangener Jahrzehnte verweigert oder kaschierend realisiert, der wird auch die Probleme der Gegenwart nur noch vergrößern. Den Autoren gebührt in unserer von Eigennutz und oft rücksichtslosem Karrierestreben dominierten Zeit ein großes Kompliment. Die Logik ihrer Beweisführungen einerseits und die Ignoranz dieser Beweise andererseits sind beeindruckend und zugleich erschreckend. Wegen der Trivialität der dargestellten Defekte können „unwissentliche Konstruktionen“ ausgeschlossen werden. Beim wissentlichen Ignorieren von: wenn keine Stasi-Aufarbeitung, dann keine abgeschlossene Opfer-Rehabilitation und wenn Stasi-Einfluss unberücksichtigt, dann keine wahre Zeitgeschichte, dann führt das sofort zu der Frage: Wer soll damit beschützt und vor Schaden bewahrt werden?
Die Autoren haben die Notwendigkeit der Veränderung institutioneller Verhaltensweisen im Sinne von „Kunst als Tochter der Freiheit“ (Schiller) an der Musikhochschule FRANZ LISZT Weimar dargestellt – ein abschreckendes Beispiel für andere Hochschulen. „Zukunft Musik“ wird an dieser altehrwürdigen Musikhochschule nur nach grundlegendem Positionswechsel möglich werden.
Mein Dank gilt den Autoren, dem Verlag und auch den mutigen Studenten und Mitarbeitern der Hochschule; den in diesem Buch genannten und nicht genannten aufrichtigen Menschen, die während der DDR im Widerstand gegen die SED-Vorgaben gelebt haben.
Diese Publikation soll dazu beitragen, dass es zu keiner Geschichtsklitterung kommt.

 

 

 
LEIPZIGER INTERNET ZEITUNG - Ralf Junke
27.Dezember 2017 - Bildung - Bücher

 

Defekte einer Hochschulchronik - Warum auch eine Musikhochschule in Weimar gut daran täte, auch ihre Geschichte im 20. Jahrhundert komplett zu erzählen
So manche Universität und Hochschule im freundlich runderneuerten Osten hat sich ja in den vergangen Jahren (oft aus Jubiläumsgründen) etwas intensiver mit ihrer eigenen Geschichte beschäftigt. Oder sich eine Geschichte zugelegt, schön ruhmreich. Aber mit Löchern drin. Gerade das 20. Jahrhundert bereitet etlichen Hochschulleitungen augenscheinlich arge Zahnschmerzen. Auch in Weimar. [...] Nur ja nicht erzählen müssen, dass auch Musiker, Lehrer und Genies fehlbar sind. Dass staatliche Willkür tief in die eigentlich heiligen Strukturen der Kunst eingreifen kann, Karrieren befördert und zerstört, Forschung verhindert, Charaktere verbiegt oder gar entkernt – das alles müsste und dürfte eigentlich Thema sein. Auch in den Chroniken der Kunsthochschulen. Denn damit wird auch sichtbar gemacht, wie Diktaturen Kunst deformieren und Menschen zerrütten.......
 
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www.l-iz.de/bildung/buecher/2017/12/Warum-auch-eine-Musikhochschule-in-Weimar-gut-daran-taete-auch-ihre-Geschichte-im-20-Jahrhundert-komplett-zu-erzaehlen-201368