50 Jahre Mauer

“Zum schwierigen Umgang mit der Vergangenheit”

Gedenkveranstaltung in der Dreikönigskirche in Dresden

(Konrad-Adenauer-Stiftung in Kooperartion mit der TU Dresden)

Die Hochschulerneuerung in Sachsen - Vergangenheitsbewältigung und Zukunftsgestaltung

Konzert   H. Johannes Wallmann

Reiner Kunze Zyklus  - Der blaue Vogel

Musik:  Ausschnitt aus der Aufführung in der Dreikönigskirche in Dresden am 15. Juni 2011

Die Mitwirkenden der Aufführung  
www.elperroandaluz.de
Dr.Joachim Klose, Landesbeauftragter der Konrad-Adenauer-Stiftung für den Freistaat Sachsen

Dr.Joachim Klose, Landesbeauftragter der Konrad-Adenauer-Stiftung für den Freistaat Sachsen

“Es war vor allem die geistige Unfreiheit der beiden totalitären Regime in Deutschland, die Studenten in Konflikt mit dem jeweiligen System brachte. In der Zeit des Nationalsozialismus war es die Gruppe um die Geschwister Scholl, die sich dem System entgegenstellte und später vielen in der DDR als Vorbild diente. Studenten, die sich gegen den Totalitarismus des SED-Regimes wandten, wurden mit aller Härte verfolgt, auf Jahre ins Gefängnis geworfen, in die UdSSR deportiert oder erschossen. So wurden allein in den Jahren 1945 bis 1955 z.B. an der Universität Leipzig neun Studenten zum Tode verurteilt und hingerichtet, 95 wurden zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Auch an den anderen sächsischen Universitäten wurden vor und nach dem Mauerbau Studenten verfolgt. Die marxistisch-leninistische Ideologie, die vom neuen sozialistischen Menschen und dem Absterben der Religion überzeugt ist, bestimmte das Verhältnis zu Andersdenkenden. So mussten häufig junge Menschen, die zu ihren Überzeugungen und ihrem Glauben standen, Nachteile in Kauf nehmen. Sie waren einem besonderen ideologischen Druck ausgesetzt. Von den zukünftigen „Sozialistischen Leitern“ erwartete man letztlich besondere Systemtreue. Die heutige Veranstaltung will auf den Gleichschritt der geistlosen Macht aufmerksam machen. Mögen sich unsere und die Stimmen zukünftiger Studentengenerationen mit den Gedanken jener vereinigen, die Widerstand geleistet haben, damit wir bei Bedarf Zivilcourage zeigen, um gemeinsam und tatkräftig die Zukunft unserer Gesellschaft zu gestalten.”

Bürgermeister Sittel

Detlef Sittel, Dresden, Zweiter Bürgermeister der Stadt Dresden

Grußwort im Auftrag der erkrankten Oberbürgermeisterin, Frau Helma Orosz

“….. Der Mauerbau gehörte nach der Niederschlagung des Volksaufstandes zu den tiefsten Einschnitten in der deutschen Geschichte. Glücklicherweise hat sich der Mauerbau und das System, das die Mauer verursacht hat, als eine Episode der Geschichte herausgestellt – als eine Episode, die für die von Ihnen , die etwas älter sind, einen sehr bedrückenden Lebensabschnitt bildet ….

…. wenn man erkennt, dass es keine Selbstverständlichkeit gewesen ist, seine Meinung frei zu äußern, für Überzeugungen einzutreten, für Überzeugungen auch Nachteile in Kauf zu nehmen, diese Nachteile nicht nur kurzfristig sondern ein Leben lang, dann weiß man die heutige Demokratie zu schätzen …. Bildung ist die einzige Möglichkeit gegen die Verführung von Menschen ....”

Prof. Dr. Hans Müller-Steinhagen, Rektor der Technischen Universität Dresden

Prof. Dr. Hans Müller-Steinhagen, Rektor der Technischen Universität Dresden

Festansprache vollständiger Text

„…….Es wird deutlich, dass die sächsischen Universitäten und ihre Universitätsarchive die Aufarbeitung dieses wichtigen Forschungsdesiderates vorangetrieben haben. Insbesondere gilt mein Dank dabei den von Repressionen Betroffenen, die wichtige Unterlagen zur Verfügung gestellt haben. Oftmals konnten nur so Verstrickungen auch der Universität vor 1989 in Maßnahmen zur politischen Disziplinierung von Studenten und anderen Hochschulangehörigen dokumentiert werden…….Am 28. April konnten wir mit Unterstützung des Landtagspräsidenten, Herrn Dr. Rößler, die Wanderausstellung der sächsischen Universitäten in würdigem Rahmen eröffnen. …Ich glaube, dass wir mit unseren Veröffentlichungen sowie der Ausstellung und den Begleitveranstaltungen eine Basis gelegt haben für die Aufarbeitung der Geschichte von politischer Repression gegen Hochschulangehörige, vor allem Studenten. ….. Ich freue mich, dass wir die Veranstaltungsreihe heute mit einem Festkonzert beschließen können. Herr Knoblauch als von politischer Repression Betroffener und Herr Dr. Jork, beide Absolventen unserer Universität, haben diese Veranstaltung angeregt und Herrn Wallmann, dessen Kompositionen vom Ministerium für Staatssicherheit als „staatsgefährdend“ und „negativ“ eingeschätzt wurden, für die Aufführung einer seiner wichtigsten Komposition gewonnen. Der Landtagspräsident und das Rektoratskollegium haben diese Anregung aufgenommen, um symbolisch die sächsischen Studierenden u. a Hochschulangehörigen zu ehren, denen aus politischen Gründen großes Unrecht zugefügt wurde. …...Wir freuen uns auf die jetzt folgende Aufführung des Konzerts aus dem Reiner-Kunze-Zyklus „Der Blaue Vogel“ von Herrn H.Johannes Wallmann……“

Dr.Matthias Rössler, Präsident des Sächsischen Landtages

Alle Fotos: Lange, Berlin

Aus der Festansprache  Dr. Matthias Rößler, Präsident des Sächsischen Landtages

Festansprache vollständiger Text - es gilt das gesprochene Wort

“ ...Mein Vater war selbstständiger Gärtnermeister, der sich mit aller Kraft und auch erfolgreich gegen die Zwangskollektivierung in der Landwirtschaft zur Wehr setzte. Meine frühesten Kindheitserinnerungen verbinden sich mit sogenannten „Aufklärern“ in FDJ-Hemden, die die Gärtner und Bauern in meinem Heimatdorf in die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft zwingen wollten. Vom Sozialismus spürte ich in unserer Dorfschule eigentlich wenig, die ihrem über der Tür angebrachten Motto „Lerne Weisheit, übe Tugend“ weitgehend treu blieb. Erst im Staatbürgerkunde-Unterricht brandmarkte ein fanatischer SED-Genosse uns Besucher der Christenlehre als Anhänger eines unwissenschaftlichen Aberglaubens. Der Schüler Rößler musste sich als Sprössling eines kapitalistischen Ausbeuters von seinem Platz erheben. Damit war ich in der Welt des real existierenden Sozialismus angekommen und lernte, mich entsprechend zu verhalten. Auf der erweiterten Oberschule, auf die mich meine Dorfschule als Sohn einer kinderreichen Familie delegiert hatte, erlebte ich die Chancengleaichheit im sozialistischen Bildungssystem: Der neben mir sitzende Sohn eines bei Stalingrad gefangenen Wehrmachts-Generals, nun NVA-General, wurde im Klassenbuch mit dem begehrten A für Arbeiter klassifiziert und mit den entsprechenden Privilegien ausgestattet. Dort lernte ich auch, dass ein „kleinbürgerliches Relikt“ trotz seines Abiturdurchschnittes 1,0 keinen Völkerkunde-Studienplatz bekam. Ich solle einen technischen Studiengang belegen. Dort könne so einer wie ich keinen Schaden anrichten, erklärte mir der Genosse Kader-Entwickler. ….In meiner nach der friedlichen Revolution einsehbaren Kaderakte schrieb der Genosse Kaderleiter auch warnend an den Genossen Rektor, dass ich „kein geeigneter Nachwuchskader sei, den wir im Sinne der wissenschaftlichen Nachwuchsentwicklung fördern sollten…“.

Ist das Zurückziehen in Nischen, der bewusste Verzicht auf Karriere und die Verweigerung gegenüber dem kommunistischen Regime schon passiver Widerstand oder gar Opposition? ...”

H. Johannes Wallmann und Karl Anton Rickenbacher im Berliner Dom,  Proben zu INNENKLANG mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin

Der Komponist des Konzertes: H. Johannes Wallmann

Die Redner wiesen darauf hin, dass auch der Komponist H. Johannes Wallmann - der an der Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimarstudierte und dort selbst Opfer von SED-Willkür wurde - bis heute auf seine Rehabilitierung wartet

Das ihm zu DDR-Zeiten aus politischen Gründen nicht ausgehändigte Diplom liegt bis heute im Archiv der Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar.

H. Johannes Wallmann & Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar - die nicht aufgearbeitete Vergangenheit

 

Foto:H. Johannes Wallmann und Karl Anton Rickenbacher, im Berliner Dom, Proben zu INNENKLANG mit dem Rundfunk-Sinfonie- orchester Berlin

Berichterstattung des MDR im Sachsenspiegel aus der Dreikönigskirche (Ausschnitt Fernsehaufzeichnung vom 16.6.2011)