Tagung 2011

Was bedeutet Freiheit von Lehre und Studium aus dem Blickwinkel der DDR-Vergangenheit

(Konrad-Adenauer-Stiftung)

 

Zum schwierigen Umgang mit der Vergangenheit

Gedenkveranstaltung

(Konrad-Adenauer-Stiftung in Kooperartion mit der TU Dresden)

Referenten in der Reihenfolge der Vorträge -            Link zum Programm der Tagung

Dr. Joachim Klose, KA-Stiftung
Prof. Kokenge, TU Dresden

Dr.Joachim Klose, Landesbeauftragter der Konrad-Adenauer-Stiftung für den Freistaat Sachsen

“ ....Es war vor allem die geistige Unfreiheit der beiden totalitären Regime in Deutschland, die Studenten in Konflikt mit dem jeweiligen System brachte. In der Zeit des Nationalsozialismus war es die Gruppe um die Geschwister Scholl, die sich dem System entgegenstellte und später vielen in der DDR als Vorbild diente. Studenten, die sich gegen den Totalitarismus des SED-Regimes wandten, wurden mit aller Härte verfolgt, auf Jahre ins Gefängnis geworfen, in die UdSSR deportiert oder erschossen. So wurden allein in den Jahren 1945 bis 1955 z.B. an der Universität Leipzig neun Studenten zum Tode verurteilt und hingerichtet, 95 wurden zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Auch an den anderen sächsischen Universitäten wurden vor und nach dem Mauerbau Studenten verfolgt. Die marxistisch-leninistische Ideologie, die vom neuen sozialistischen Menschen und dem Absterben der Religion überzeugt ist, bestimmte das Verhältnis zu Andersdenkenden. So mussten häufig junge Menschen, die zu ihren Überzeugungen und ihrem Glauben standen, Nachteile in Kauf nehmen. Sie waren einem besonderen ideologischen Druck ausgesetzt. Von den zukünftigen „Sozialistischen Leitern“ erwartete man letztlich besondere Systemtreue. Die heutige Veranstaltung will auf den Gleichschritt der geistlosen Macht aufmerksam machen. Mögen sich unsere und die Stimmen zukünftiger Studentengenerationen mit den Gedanken jener vereinigen, die Widerstand geleistet haben, damit wir bei Bedarf Zivilcourage zeigen, um gemeinsam und tatkräftig die Zukunft unserer Gesellschaft zu gestalten. ....”

Aufzeichnung zum Nachhören

Prof. Dr. Hermann Kokenge, Altrektor der TU Dresden

".......Die bildungspolitischen Anstrengungen der SED waren darauf gerichtet, eine neue, parteiloyale Machtelite zu rekrutieren. Aus diesem Grunde wurde das Verhalten der Studierenden überwacht. Abweichungen von der vorgegebenen Norm, nicht staatskonforme Gesinnung oder gar oppositionelles Handeln wurde streng geahndet: von der Bewährung in der Produktion, der endgültigen Exmatrikulation, der Aberkennung des Diploms oder des Doktorgrades, Gefängnisstrafen bis hin zu Todesurteilen reichten die Strafmaßnahmen.

Neben dem fachwissenschaftlichen Unterricht gehörte zu einem Studium nicht nur die obligatorische marxistisch-leninistische Grundausbildung, sondern außerdem ein mehrwöchiger Lehrgang: Zivilverteidigung für die Frauen, Militärdienst für die Männer. Dies alles steht im krassen Widerspruch zu unserem Verständnis von einer freiheitlich demokratischen Gesellschaft aber auch von Freiheit in Forschung und Lehre......"

Aufzeichnung zuam Nachhören

Prof. Günther Heydemann
Prof. Dr. Kurt Reinschke

Prof. Dr. Günther Heydemann, Dir. des Hannah-Arendt-Instituts, TU Dresden

“Zivielcourage konnte ich ich nicht von anderen, sondern nur von mir selbst fordern”

" ...Die brutale und allen Rechtsgrundsätzen widersprechende Verhaftung von Wolfgang Natonek (1919-1994), des demokratisch gewählten Vorsitzenden des Leipziger Studentenrates in den Jahren 1947/48, im November 1948, markierte eine Zäsur in der Geschichte der Universität Leipzig, wenn nicht für alle Universitäten in der damaligen Sowjetisch Besetzten Zone (SBZ). Von nun an konnte es keinen Zweifel daran geben, dass die sowjetische Besatzungsmacht, zusammen mit den Kadern der SED, demokratische Meinungsbildung nicht mehr zuließ, vielmehr ganz bewußt auf massive Repressionen setzte, um weitere politische Opposition gegen die Etablierung einer sozialistischen Diktatur im Keim zu ersticken. Schon verbale Kritik konnte gefährlich werden. Wolfgang Natonek war bewusst, dass politische Opposition in der damaligen Zeit sowohl auf demokratischer Überzeugung, als auch individueller Entscheidung beruhte. "Wenn ich eine Schlussfolgerung aus der schlimmen Zeit des Nationalsozialismus ziehen wollte", so hat er einmal festgestellt, "dann war es die, Zivilcourage zu zeigen, damit sich so etwas oder Ähnliches nicht wiederholt. Aber Zivilicourage, das war mir klar, konnte ich nicht von anderen, sondern nur von mir selbst fordern. ...."

Prof. Dr. Kurt Reinschke, Vorstand des Bundes Freiheit der Wissenschaften

Das Schicksal deutscher Akademiker während der der Nachkriegsjahre in der SBZ/DDR

“......Wolfgang Natonek war in der Nacht vom 11. zum 12. November 1948 beim Betreten seines Wohnhauses in der Leipziger Feuerbachstraße gekidnappt worden und damit spurlos verschwunden. Anfragen seiner Angehörigen, des Studentenrates, des Rektors der Universität bei den deutschen und den Besatzungsbehörden blieben monatelang ergebnislos. Schließlich erschien in der „Täglichen Rundschau“ vom 24. Februar 1949 eine Notiz. Der neue Studenratsvorsitzende Herbert Meißner (SED) kommentierte diese so:„... Wir leben in einer antifaschistisch-demokratischen Ordnung. Natonek wurde verhaftet, weil er Spionage betrieben hat. Er war also ein Antidemokrat, denn demokratische Studenten betreiben keine Spionage und werden auch nicht verhaftet…” Daß er als Spion entlarvt wurde, geht aus einem Artikel vom 24. Februar 1949 in der „Täglichen Rundschau“ hervor:“… Zweifelt man den Inhalt der „Täglichen Rundschau“ an, so zweifelt man die Wahrheitsliebe … von Mitgliedern der Besatzungsmacht an…“  Der drohende Unterton ist unüberhörbar: Wer die Rechtmäßigkeit der Worte und Taten der neuen Machthaber anzweifelt, wird als Feind entlarvt, hat mit Verhaftung und unabsehbaren Folgen zu rechnen. Diesen Zusammenhang hatten die Deutschen in der SBZ während der Nachkriegsjahre rasch verinnerlicht, und sie stellten ihr Reden und Handeln darauf ein. Man sprach nicht offen darüber, dass Verwandte, Mitschüler, Arbeitskollegen, … abgeholt wurden und verschwanden. ....”

Günter Knoblauch - TU Dresden

Aufzeichnung zum Nachhören

Günter Knoblauch, Neuried / München

Über die “Kaderschmiede” zum “Staatsfeind” der DDR - Warum Aufarbeitung so wichtig ist

“ ..... Je besser wir Diktatur begreifen und aufarbeiten, desto weniger sind wir - die Gesellschaft und die Generationen nach uns - gefährdet, dass Geschichte sich wiederholt. Das System DDR war Selbstzweck einer Politkaste auf Kosten der Bevölkerung. Die Universitäten wurden zu Kaderschmieden des Systems degradiert. Die Freizügigkeit und die Freiheit für Lehre und Forschung blieben auf der Strecke. Die vielen kleinen alltäglichen Repressionen und die Bittgänge, das war die eigentliche DDR. Eine wissenschaftliche Analyse und die Aufarbeitung der Vorgänge wird etwas nicht erfassen und wiedergeben können: Das zeitnahe emotionale Erleben der Ereignisse durch die Betroffenen. ....”

Ein ehemaliger Kommilitone schrieb mir: „….. der psychische Druck, dass man aus Angst etwas unterschrieb, was man zutiefst verabscheute, brachte manchem Scham vor sich selbst und immer wieder ein Stück Rückgratbruch. Das aber war das erprobte Herrschaftsprinzip. Es ging immer um solch kleine Schritte, die die Frage aufwarfen: Lohnt es sich, dafür alles zu riskieren?“

Aufzeichnung zum Nachhören

Dr. Jens Blecher - Universität Leipzig
Dr. Lienert, TUD

Alle Fotos oben: Peter Lange, Berlin

Schriftversion des Vortrages

Dr. Jens Blecher, Direktor des Universitätsarchiv der Universität Leipzig

Studenten in Gewissensnot - Stand der Aufarbeitung in Sachsen

“.... Der Leipziger Philosoph und Nachkriegsrektor Hans-Georg Gadamer legte im Jahre 1947, mitten in den politischen Kämpfen zwischen bürgerlichen und Arbeiterstudenten, seine Auffassung über die akademische Jugend dar: Auch wenn der Marxismus den Klassenkampf propagiert, ist und bleibt die wichtigste Aufgabe der Studenten, durch ihre Bildung „den Fortschritt des Volkes zu befördern.“ Gadamer sprach dabei nicht von Politikferne, sondern riet vielmehr zu einem tieferen Verständnis der Politikströmungen, um Interessen sicher zu identifizieren.

Seit 1995 ist die Universität Leipzig bemüht, die politische Wissenschaftsindoktrination an DDR-Hochschulen sichtbar zu machen: von der individuellen Verweigerung, der Opposition bis hin zum aktiven Widerstand gegen das Regime. Jeder Akademiker, der gegen die demokratiefeindliche und staatspolitische Willkür der SED aufbegehrte und jeder Einzelne der unschuldig in die Mühlen des Staatsapparates geriet, bildet heute einen unersetzbaren Baustein für die Aufarbeitung der Diktatur. Namen und Schicksale von aufrechten Studenten mahnen uns an die Vorzüge wie an die Notwendigkeit der ständigen Erneuerung unserer Demokratie.

Die Geschichte des studentischen Widerstandes, seiner Protagonisten und seiner Nachwirkungen wird auch in Zukunft ein wichtiges Forschungsfeld für die Universität Leipzig bilden. .....”

Aufzeichnung zum Nachhören

Dr. Mathia Lienert, Leiter des Universitätsarchiv der Universität Dresden

Studenten in Gewissensnot - Stand der Aufarbeitung in Sachsen

“ ...... Freiheit und Menschenwürde sind unteilbar. Wie die Aufarbeitung von Willkür und Terror in der Zeit des Nationalsozialismus werden auch Formen von Repression gegen Hochschulangehörige zwischen 1945 und 1989 erfasst. Die in der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR aus politischen Gründen verurteilten oder anderweitig benachteiligten Studierenden der TU Dresden wurden und werden rehabilitiert. Es ist ein Anliegen der Universität diese Schicksale in einem laufenden Projekt zu dokumentieren und der Öffentlichkeit bekannt zu machen. .... “

 

Diskussionsrunde: “Erwartungen an die Studienfreiheit heute”€

Diskussionsteilnehmer: H. Johannes Wallmann, Komponist, Berlin; Dr. Hans-Lutz Dalpke, Alfeld;  Dr. Joachim Klose, Dresden, Konrad-Adenauer-Stiftung;  Prof.Dr. Sigismund Kobe, TU Dresden; Wolfgang Lüder, Berlin, Senator, MdB a.D., Verein gegen das Vergessen

Günter Knoblauch - H.J.Wallmann - H.L.Dalpke - J.Klose - S.Kobe - W.Lüders

H. Johannes Wallmann

“ .... Ich finde es prima, dass eine solche Tagung überhaupt stattfindet …… ich glaube, wir müssen es schaffen, der jungen Generation zu vermitteln, dass Zivilcourage in der heutigen technokratischen Welt existenziell geworden ist, sonst sind die nächsten Katastrophen vorprogrammiert …. und wir müssen von der Gesellschaft auch verlangen, dass diese Zivilcourage nicht nur vom einzelnen Bürger einfordert, sondern für sich selbst zum moralischen Maßstab ihres Handelns für das Gemeinwesen macht ….die Zukunft wird nur so gut gestaltet, wie die Vergangenheit reflektiert und aufgearbeitet wird ...” 

Dr. Hans-Lutz Dalpke

“..... Es ist ausgesprochen schwierig junge Leute mit Ereignissen zu konfrontieren, die mehr als 50 Jahre zurückliegen und andere Generationen betroffen haben. Dazu gehören Überzeugungskraft und pädagogisches Geschick. Das vielfältige Freizeitangebot und exzessiver Medienkonsum von großen Teilen der Jugend erschweren zunehmend die Bemühungen zur Vermittlung von Kenntnissen über den repressiven Charakter der DDR insbesondere in den 1950er Jahren. Wer die Zeit der Diktaturen nicht selbst erlebt hat, kann sich nur schwer in die damalige Realität und Gefühlslage hineinversetzen........”    Textmitschrift Dr.Lienert

 

Prof. Sigismund Kobe

“ ...Die Einflussnahme der SED auf die Hochschulen der DDR wurde zur Staatsdoktrin und untergrub zunehmend und schleichend deren Autonomie. Die nun einsetzende Entwicklung ist wohl am ehesten durch den Begriff "Deformation" zu charakterisieren. Es wurde fast unmöglich, die Hochschullehrer-Laufbahn einzuschlagen ohne der Staatspartei anzugehören, und jeder Betroffene musste in dieser Konfliktsituation seine persönliche Entscheidung treffen. Jedem Eingeweihten sind jedoch auch Beispiele bekannt, wie unter solchen Schlagworten wie "Kaderpolitik", "Nomenklaturkader" und "Kaderreserve der Partei" die Linientreue eines Kandidaten zur Partei einen höheren Stellenwert bekam als dessen wissenschaftliche und hochschulpädagogische Kompetenz.

Wissenschaftler wurden durch Kontrolle des Briefverkehrs mit Kollegen im Ausland bevormundet, ja entmündigt. Abgehende Briefe mussten bei der Parteileitung offen eingereicht werden, und es unterlag der Willkür der Schnüffler, ob die Post überhaupt abging oder ob evtl. eingehende Post dem Adressaten zugestellt wurde, und wenn ja, dann natürlich im geöffneten Zustand. Die ROA-Werbung (ROA=Reserve-Offiziers-Anwärter) wurde aggressiv und erpresserisch geführt. Derjenige Student, der sich dennoch nicht beugte, wurde als Forschungsstudent abgelehnt, konnte also nicht Doktorand werden. Auf diese Weise verlor unsere Universität nachweislich viele ihrer besten Studenten für den wissenschaftlichen Nachwuchs, während besser Angepasste deren Plätze einnahmen. ...”

Wolfgang Lüder

Wirtschaftliche Überlegenheit und die Wahrung der demokratischen Grundrechte in der Bundesrepublik und in Westberlin übten seit den 1950er Jahren auf viele Studierende in der DDR eine starke Sogwirkung aus. Viele flüchteten aus wirtschaftlichen und politischen Gründen. Einige suchten nach Alternativen. Eine offene Opposition war nicht mehr möglich. Der politische Widerstand an den DDR-Universitäten ist ein bedeutender Aspekt der Demokratiebewegung in Deutschland. Dazu gehörte die Gruppe von Studenten der TH Dresden, deren Angehörige 1959 in einem Schauprozess zu teilweise langjährigen Zuchthausstrafen verurteilt wurden.

Angehörige des studentischen Widerstands standen für Werte einer demokratischen Gesellschaft ein. Damit sind sie Vorbild für die heutige Jugend, die teilweise durch unkontrollierten Medienkonsum, mangelnde Einflussnahme durch die Elternhäuser und andere Umstände die Orientierung verlieren. Es kommt auf Glaubwürdigkeit an, wie sie beispielsweise die inzwischen hochbetagte Altliberale Hildegard Hamm-Brücher vertritt. Schlagwort wie „alternativlos“ sind in der politischen Auseinandersetzung wenig zielführend. Politik ist Teilhabe und aktive demokratische Auseinandersetzung.      Textmitschrift Dr.Lienert

 

Link zu

Zum schwierigen Umgang mit der Vergangenheit Gedenkveranstaltung